Ein Akkordeon erzählt seine Erlebnisse
Ich bin das Akkordeon eines «Malgré Nous» aus Ribeauvillé (Oberrhein), ein Überlebender des 2. Weltkriegs, dessen treuer Lebensgefährte ich während der ganzen Zeit der Feindlichkeiten war.
Von seiner Zwangseinweisung in den Reichsarbeitsdienst (R.A.D.) und dann in den Kriegshilfsdienst (K.H.D.) im Frühjahr 1942 (da war er gerade 18 Jahre alt) bis 1946 als er die Französische Armee verlieβ.  
In diesen 4 langen Jahren sind wir von einer Armee zur anderen gependelt und haben einiges durchgemacht. Ich erzähle Ihnen jetzt mal die wichtigsten Ereignisse, die mein junger Besitzer und ich in dieser tragischen Zeit erlebt haben.
Ich, das Akkordeon...
Beim R.A.D. wo ich meinen Besitzer von Anfang an nach Haguenau (Niederrhein) begleitet habe, dann im K.H.D. bei Hildesheim südlich von Hannover (Deutschland)‚haben wir ganz nette Momente gehabt, z.B. beim Kartoffelnschälen. Da durften wir mit Musik und Gesang dem Personal und den Truppenchefs ein bisschen Freude machen.
Dann wurde mein junger Besitzer in die Wehrmacht zwang eingewiesen (wie viele andere Elsässer und Moselaner in dieser Zeit), wohin ich ihn nicht sofort begleiten durfte (Ausbildungszeit als Soldat in der deutschen Armee).  
Erst während der russischen Campagne erhielt er eine Sondererlaubnis, um mich zu holen und in seine Truppe, die 331. D.I. (Infanterie Division) in die Gegend von Velikye Lucki (Russland) mitzunehmen. 
Sie können sich wohl vorstellen, dass die Lebensbedingungen dort nicht sehr einfach waren, und an Weihnachten 1943 wurde ich gebeten, eine Tournee in die vordere Kampflinie zu machen, von Bunker zu Bunker, um den Soldaten Weihnachtslieder vorzuspielen und ihnen somit ein bisschen Aufmunterung zu bringen. 
Eine lange Reise...
Unsere ersten Linien waren ungefähr 100 m von den russischen entfernt und dieser Spaziergang an den Gräben entlang war nicht sehr angenehm. Jedoch behalte ich von diesen Augenblicken ein sehr starkes und rührendes Gefühl in Erinnerung. 
Das zweite groβe Ereignis dieser Campagne kam ein paar Wochen später während der groβen russischen Offensive im Januar-Februar 1944 im Norden des Landes. Da wurde unsere 331. Einheit fast komplett umzingelt und wir erlitten schwere Verluste. Der Rückzug der Deutschen war an der ganzen Front eindeutig und wir konnten, es war wohl ein Wunder, fliehen ohne zu wissen, wie wir dies geschafft haben.  
Zurück nach Deutschland...
Nach der Zusammenlegung der übrig gebliebenen Einheiten im hinteren Bereich der Front, wurde vom OKW (Oberkommando der Wehrmacht) der Befehl erteilt, nach Deutschland zurückzukehren, um unsere Division neu aufzustellen und mit Männern zu vervollständigen. 
Mein Besitzer und ich hatten das Glück, nach Köln, der Heimatstadt unserer Division, zu reisen. Nachdem die Truppe neu zusammengestellt war, wurden wir per Güterzug an ein noch unbekanntes Ziel geschickt. 
Erst als wir die Bahnhöfe von Brüssel und Lille passierten, wussten wir, dass wir nach Frankreich fuhren, genauer gesagt, nach Licques im Departement Pas de Calais, um dem vermutlichen Alliiertenansturm gegenüberzustehen. Die Deutschen glaubten eher an einen Ansturm in diesem Bereich als in der Normandie. 
Ich habe erst viel später verstanden, warum ich mich in diesem Wagon befand, und zwar hauptsächlich weil mein Besitzer flieβend Französisch sprach und somit als Übersetzer dienen konnte (prinzipiell waren Elsässer und Moselaner nicht in Frankreich stationiert, weil man Angst hatte, dass sie sich mit der örtlichen Bevölkerung anfreunden könnten und davon profitieren würden, zu desertieren).
Dann in Frankreich...
Unsere erste Einquartierung fand also in Licques statt, nicht weit entfernt von Saint Omer, wo die Deutschen die Startrampen für die V1-Raketen errichtet hatten, jene neuen Waffen der deutschen Repressalien, von denen jedermann seit einiger Zeit gehört hatte.
Ich erinnere mich an einen musikalischen Abend im Sportcafé in Licques mit Akkordeon und Gesang, umgeben von zivilen Franzosen, als plötzlich um 22 Uhr eine deutsche Patrouille erschien und uns der Unteroffizier, der die Leitung dieser Patrouille hatte, gewaltsam aufforderte, das Fest, welches nicht seinem Geschmack entsprach, zu beenden. Mein Besitzer wurde gleich am nächsten Morgen ins Büro des Kommandanten befordert. Dieser reagierte jedoch sehr verständnisvoll uns gegenüber, und somit kam es, Gott sei Dank, nicht zu schlimmen Folgen für uns (alles renkte sich wieder ein).
Im Gegensatz zu den Vorhersehungen der Deutschen, fand der Ansturm der Alliierten schlieβlich am 6. Juni 1944 doch in der Normandie statt. Am 13. Juni wurden wir alle für Punkt Mitternacht „eingeladen“, um zuzuschauen wie die ersten V1-Raketen auf London geschossen wurden. Wir hatten noch nie ein „solches Spektakel“ gesehen, es war für uns eine Überraschung, aber auch ein sowohl faszinierendes wie auch schreckliches Gefühl. 
Am 1. August wurde unserer 331. Division aufgetragen, sich in die Normandie zu begeben, um dort der 7. Armee unter die Arme zu greifen, denn diese war eingeschlossen in eine Felsenbucht. Leider verlor diese Armee viele Männer und Material. Erst so gegen den 15. August befahl Hitler persönlich den Rückzug der deutschen Truppen in Richtung Seine.  
Ein Freiheitsduft...
Das nutzte mein Besitzer aus, um „auszureissen“ und er versteckte mich in einer Scheune eines örtlichen Bauers. 
Mittels einer Ausrede (welche hier zu lange wäre, um sie zu erzählen), gelang es ihm, sich von der deutschen Truppe zu entfernen, mitten im Rückzug, um sich schliesslich zu mir in die Scheune zu flüchten. 
Alles lief bestens und ein paar Tage später war der gesamte Sektor befreit. 
Da fing für mich ein schönes Leben an, und zwar die Zeit der Musikabende, um die Befreiung zu feiern, zur gröβten Freude der Bewohner von la Ferté-Fresnel, unserem provisorischen Quartier in dieser Zeit. Ich bin somit zu einer Art Held geworden und man kam von überall, damit wir an Hochzeiten und anderen Festivitäten spielten, nach all den Jahren von Leid und Schmerz.  

So, nun lasse ich den Akkordeonisten, ehemaliger Zwangseingezogener der deutschen Armee, unsere Geschichte weiter erzählen:
Ich, André Findeli...
Anfang September 1944 fand in Frankreich die Zählung des Jahrgangs 1923, mein Geburtsjahr, statt
Ich bin also nach Alençon gefahren, zusammen mit den anderen Aufgerufenen von la Ferté-Fresnel, wo ich mich freiwillig in die erste französische Armee engagiert hatte, um gegen den deutschen Besetzer zu kämpfen und den Rest des französischen Geländes (darunter das Elsass) von den Besatzungen zu befreien, jedoch nicht ohne mich vorher einer gewaltigen Verhörung unterzogen zu haben, durchgeführt von einem ehemaligen Kapitän der 152. Infanterie von Colmar. Er kannte Ribeauvillé sehr gut und riet mir gröβte Vorsicht, denn er ging davon aus, dass der Krieg bald zu Ende wäre und es nicht notwendig wäre, nun dummerweise zu sterben
Ostwärts...
Am Weihnachtsvorabend im Jahr 1944 sind wir also von Alençon nach Nancy gefahren. Dort bildete sich gerade ein „Elsass- Bataillon“, welches nur aus Elsässern zusammengesetzt war, die der deutschen Armee entflohnen waren. Ich brauche wohl hier nicht zu erwähnen, dass mein Akkordeon in Nancy viel zu tun hatte. 
 
Am 4. Januar sind wir mit Lastwägen nach Straβburg gefahren. Obwohl die Stadt seit November 1944 bereits befreit war, erlebte sie gerade schlechte Momente, denn sie stand nicht unter dem Schutz der amerikanischen Truppen und riskierte deshalb den deutschen Gegenangriff. Die Straβburger fürchteten ständig die Rückkehr der deutschen Soldaten. 
Jedoch kam glücklicher Weise noch am gleichen Tag General Guillaume und seine 3. Algerische Infanteriedivision, geschickt von General De Lattre, der versprochen hatte, Strassburg - koste es was es wolle - zu verteidigen, was natürlich den Amerikanern nicht missfiel, denn diese wollten sich hinter die Vogesenfront zurückziehen aufgrund der deutschen Offensive in den Ardennen und der Operation „Nordwind“.
Heimkehr...
Gott sei Dank kam alles wieder in Ordnung, aber erst nach etlichen wilden Kämpfen, und die Route zwischen Strassburg und Colmar war endlich frei, was uns (meinem Akkordeon und mir selbst) ermöglichte, nach Hause zu fahren, nach Ribeauvillé, zu meiner Familie, von der ich seit langer Zeit keine Nachrichten mehr hatte.
Im Februar 1945 wurde das Elsass-Bataillon dem frisch gegründeten 23. Infanterie-regiment zugeordnet. Dieses gehörte wiederum der 3. Algerischen Infanteriedivision an. Im gleichen Monat beschaffte sich das 23. Infanterieregiment eine Regimentsmusik, der ich als Trommelkaporal beitritt unter den Ordern von Kapitän Leroy aus Nancy. Ich war einer seiner besten Schüler, ein Zeugnis kann dies beweisen. Kurz darauf haben wir sogar eine Jazz-Band gegründet, in der mein Akkordeon einen guten Platz fand.  
Nachdem General De Lattre am 31. März 1945 den Rhein überquert hatte (das Datum war von General De Gaulle so gewünscht worden), nahm unsere Regimentsmusik zuerst ihren Sitz in Karlsruhe und dann in Speyer (Deutschland) wo der Stab der 3. Algerischen Infanteriedivision installiert war.
Der Sieg... endlich !
Am 8. Mai 1945, Tag des endgültigen Sieges über die deutschen Nazis, marschierten wir musizierend durch die Strassen, natürlich mit meinem Akkordeon ! Was für Erinnerungen ! 
Nachdem ich am 6. Januar 1946 vom Militär entlassen wurde, fing ich nun ein ziviles und berufliches Leben im Alter von 23 Jahren an. 
Mein ganzes Leben lang hat mich mein Akkordeon begleitet. Mit 89, nachdem wir mehr als 70 Jahre lang untrennbar waren, habe ich schlieβlich beschlossen, es dem Turckheimer Museum zu stiften, als Erinnerung an die tragische Kriegszeit und damit es den zukünftigen Generationen erzählt, was wir erlebt haben und wie wir dank des Akkordeons die schweren Zeiten überwunden haben
Text von André Findeli, der im Museum eingereicht ist zur gleichen Zeit wie dem Akkordeon 
(Die Titel von Absätzen sind für mehr Lesbarkeit hinzugefügt gewesen)

während des 2. Weltkriegs
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